Alps Traverse Gemellato* (ATG) Rosenheim - Lazise

ATG 2.Teil „Alpenhauptkamm - auf einsamen Wegen über Scharten“ von Fügen/ Zillertal (A) bis Mühlbach/ Pustertal (I) in 9 Tagesetappen
 

Ein unsicheres Gefühl entsteht, wenn etwas nicht klar zu erkennen ist. So war der Bahnhof von Jenbach nur verschwommen zu sehen. Der Regen, der wie Wasser aus Feuerwehr C-Schläuchen von Himmel fiel, hatte bei der Anreise alle Teilnehmer gleichzeitig in die Zillertal-Bahn getrieben. Das Hotel in Fügen konnte etwas später aber schon trockenen Fußes erreicht werden.

Wie bereits im 1.Teil der ATG zu den Wanderwegen beschrieben, verweise ich auf die GPX Files, die auch für den 2.Teil  in „alpenvereinaktiv.com“ herunter zu laden sind.https://www.alpenvereinaktiv.com/de/tour/alps-traverse-gemellato-atg-rosenheim-lazise-2.-teil-9-tagestouren-/54557034/

In einer Gruppe von 6 Personen sind wir in Fügen gestartet. Wer diese Etappen organisiert, sollte zuerst mit den Unterkunftsbuchungen beginnen!

Der 1. Tag (ATG2-09 Gesamtetappe) beginnt in unserem Fall mit der Nutzung der Infrastruktur, frei nach dem Spruch von Michael Pause: „Wenn eine Seilbahn fährt – nutze sie.“  Der obere Bahnhof (1.290 m) an der Spieljochbahn verblüfft uns mit den Angeboten: Seilgarten, Kletterwand, Barfußpark, Flying Fox und viele Kinderspielgeräte. Wir begehen die schwarze Wanderroute zum Kellerjoch Gipfel mit nur wenigen anderen Wanderinnen und werden an zwei steilen Stellen mit rutschigem Untergrund daran erinnert, dass es sich um eine als schwierig definierte Wanderstrecke handelt. Wir wandern weiter zur Kellerjochhütte (guter, schneller Service). Der mit Wacholder, schönen Wiesen und purpurnem Enzian ausgestattete Weg führt uns für die erste Tourenübernachtung über den Loas Sattel zum Alpengasthaus Loas. Diese erste kürzere Etappe diente den Teilnehmern aus Hamburg zur Anpassung an Luftdruck und Gelände. Meine neuen „Partner“ - Wanderstöcke - halfen mir, auf dem Weg zu bleiben und mögliches Wackeln und Rutschen zu vermeiden. Mein Tipp: Mit Stöckern geht das alpine Bergsteigen sicherer.

Wir mussten leider auch feststellen, dass unsere Pausenstrategie skandalös war: alle Teilnehmer waren derart mit der Strecke beschäftigt, dass wir den Rhythmus – nach jeder Stunde zu pausieren – vergaßen. Der Einstieg in dieses Segment der Alpenquerung war schwierig, aber gelungen; es wurde jedem bewusst, was noch auf ihn zukommen könnte.

Die folgende  2. Tagesetappe (ATG2-10)  bescherte uns nun das bessere Wetter. Es geht über den kleinen und großen Gamsstein weiter zum Gilfert (2.506 m) mit einem grandiosen Ausblick. Wir sehen von hier aus auch das Rofangebirge von der Wanderung im ATG  1. Teil. Es ist ein typisches Aufstiegsgelände mit Tümpeln und Moorlandschaften; eine Seilsicherung wird hier nicht benötigt. Schnee liegt sogar noch auf der Eisfläche. Am Ende haben wir einen Dialogweg (Forststraße). Es entsteht die Großstadtidee „Down-Hill Roller“ für diese Art Wege an der Alm buchen zu können.

Wir haben uns aufgeteilt, um auch die Schlechtwetterstrecke zu prüfen; hier geht es über dem Sonntagsköpfl (2.250m) über grasige Pfade und wenig Geröll, also gute Bedingungen für eine Bergwanderung. Bis Hochfügen Berghotel passten auf beiden Strecken das Wetter und auch die Pausen wieder.

Von Hochfügen startet der nächste 3. Tag (ATG2-11). Wir wählen für den Aufstieg zur Rastkogelhütte eine eigene Variante, welche die Dialogwege zum Gipfel umgeht, aber über Weiden führte.  Der Weg ist in alten Karten noch angegeben.  Dieser Anstieg wird von uns als steil eingestuft, ist aber auch bei Regen begehbar.

Die alternative Strecke wird auch begangen. Der Dialogweg führt moderat am Bach entlang bis zum Sidanjoch. Die Bachquerung war trockenen Fußes über massiv verbaute Felsplatten möglich.

Die Rastkogelhütte (2.124 m) wird von mir nach 40 Jahren erneut besucht und ruft Erinnerungen wach, die der heutige Hüttenwirt Steffen weiter pflegt. Der Kaiserschmarrn war fluffig und einfach super. Bei einer 24h-Vorbestellung hätten wir auch ein Gourmetessen bekommen können. Wir werden sogar in der Bar versorgt. Unser Trinkslogan der Tour lautet: „Vertragen wir uns wieder“, wobei wir nie zerstritten waren.

Am nächsten Morgen ging es dann von der Rastkogelhütte nach Finkenberg (Hotel Neuwirt) bei deutlichem Regenwetter; der Weg des 4. Tages (ATG2-12)  wird leicht abgeändert, wir wandern bei der Sicht nicht zu den Gipfeln. Blumenwiesen und Seen sind zu sehen, bevor der steile, geschotterte Aufstieg erfolgt. Unterwegs treffen wir einen ehemaligen Schüler des Sebastian-Finsterwalder-Gymnasiums aus Oberaudorf, dem aber der Fernwanderweg Rosenheim –Lazise nicht bekannt ist. Der Weg ist wohl doch eine echte Neuheit. Am Penkenberg erwartet uns ein Zentraler Omniseilbahn Bahnhof (ZOsB). Nach etwas Suchen finden wir auch die richtige Seilbahn nach Finkenberg.

Ein ähnlicher „Freizeitpark“ ist auch auf der alternativen Strecke über Parkkoppel und Mösl zur Penkenbahn zu finden. Auf der Talseite sichten wir auf den grünen Pisten viele Skilifte und Seilbahnen.

Der 5. Tag (ATG2-13) startet mit der Busfahrt von Finkenberg nach Hintertux. Die Wanderwege für diese Passage sind nicht attraktiv genug, um dafür einen extra Tag zu spendieren. Auch hier ist ein ZOsB  oben an der zweiten Gletscher Bus Station. Der ursprüngliche Weg von der Station zur Friesenbergscharte ist nicht mehr begehbar, so folgen wir der Ausschilderung zum Spannagelhaus. Ab hier haben wir wieder einen deutlich gut erkennbaren und markierten Weg über viel Geröll und Steine. Wir haben Glück, dass es eine neue Brücke über den hinabstürzenden Wasserlauf gibt. Ansonsten wäre hier vermutlich unser Vorhaben plötzlich und unerwartet beendet gewesen. Das Wetter hat sich deutlich verbessert. Wir sind gut gelaunt; Fitness und Verständnis sind gut für die bevorstehende Aufgabe. Der Weg ist hervorragend von der Seilbahnseite aus präpariert. Oben (2.903 m) erwartet uns der Panoramablick auf den Großer Möseler, Schlegeiskees und Hochfeiler: eine echte Belohnung. Der Abstieg von der Friesenbergscharte ist anspruchsvoll: mit vielen Seilen gesichert, nur bei trockenem Wetter zu empfehlen.

Die Alternative von Hintertux über den Breitlahner zum Melchboden (1.805 m) fährt man mit dem Bus. Dann geht es den Weg 532 vom Schlegeisspeicher an Wiesen mit Kühen weiter am Lapenkarbach bei gleichbleibender Steigung zum Friesenberghaus (2.498 m) hinauf.

Nun steht schon die 6. Tagesetappe (ATG2-14) vom Friesenberghaus zum Pfitscher-Joch-Haus an; der Weg führt zum Olperer Haus. Kurz davor ist ein Instagram Highlight. An der neu installierten Hängebrücke wird von ca.100 jungen Menschen das Foto “ich auf der Hängebrücke über den Schlegeisspeicher“ erstellt. Trail Runner Girls rennen an uns vorbei und laufen gleich 3 Tagesetappen des Berliner Höhenweges an einem Tag. Ein junges Paar trägt nagelneue Bergschuhe in den Händen. Sie haben diese zu klein gekauft und vorher nicht ausreichend getestet! Stattdessen werden mit leichten Sommerschuhen an den Füßen die Felsplatten für diesen großen Fotomoment  bestiegen. Wir wandern mit unserer nützlichen Ausrüstung über treppenartige Felsblöcke bei geringem Gefälle weiter. Auf diesem Weg sind eine Menge Bäche zu überschreiten, die durch das  Rauschen der Wasserfälle schon früh zu hören sind. Die Schlechtwetter Strecke bietet die Möglichkeit auch ein Murmeltier zu sehen und die Klettereinrichtungen an der Schlegeisspeicher Staumauer zu bewundern.  Auf dem Weg 524 kommt man zum Pfitscher Joch, wo Italien beginnt.

Das Pfitscher-Joch-Haus überrascht uns positiv in der Ausführung und Gestaltung:  2- und 3-Bett-Zimmer inklusive Badezimmer bieten einen Komfort, der an dieser Stelle (2.275 m) nicht erwartet wurde.

Der 7. Tag sollte die längste Etappe (ATG2-15) haben. Mit einer Reisezeit (Wandern und Rasten)  von 9 Stunden ist sie es auch geworden. Der Abstieg vom Pfitscher Joch durch den Wald ist  sehr schön. Man braucht nicht der Forststraße folgen, es sei denn man möchte während des Abstiegs dialogisieren. Nur eine kurze Strecke weiter unten teilt man sich den Weg mit Autos. Danach geht es über eine Holzbrücke in das Unterberg-Tal hinauf zur Gliederscharte (2.644 m). Dieser Aufstieg wird von uns als besonders schön bewertet. Von  der Gliederscharte haben wir einen Rundblick: Hohe Wand, Stampfkees, Olperer, Gefrorenen Wand-Spitzen, Hochferner, Hochfeiler, Hoher Weißzint, und Großer Möseler. Tiefer, am Grindtbergsee, ist Wollgras in voller Blüte, ein kleines Paradies an dieser Stelle. Beim Abstieg kommen wir an der Oberen Engbergalm vorbei, die einen leckeren Holunderbeerensaft bereit hält und die klassische Art Heu zu gewinnen zeigt. Sense und Kraxen sind noch im Gebrauch. Wir sind in Dun am Parkplatz angekommen und lassen uns die letzten Kilometer zum Gasthaus Brugger in Pfunders fahren.

Diese lange Wandertour zeichnet sich als besonders lohnenswert aus, da es durch das nahezu gewerbefreie Pfunderer Tal geht und alles noch sehr ursprünglich ist.

Unsere Schlechtwettervariante ist das Gegenteil. Nach einem ca. zweistündigen Abstieg wurde der Bus von St. Jacob nach Sterzing genutzt, dann die Bahn von Sterzing nach Vintl und von dort der Bus bis zum Gasthaus Brugger getestet.  

Ein unvollständiges Frühstück vom diffusen Büfett  am nächsten Morgen vor dem Start zur 8. Tagesetappe (ATG2-16)  zeigt später die Folgen auf der Tour von Brugger zum Schutzhaus Wieserhütte. Der Weg beginnt auf der Forststraße, die wegen umgefallener Fichten und Lärchen eigentlich nicht abgekürzt werden kann. Unser ausgewählter Weg 14 ist im Wanderangebot seit 10 Jahren gestrichen und wird nicht mehr markiert oder beschildert. Der örtliche Wanderleiter empfiehlt, wie wir im Nachhinein erfahren haben, über den attraktiveren Weg 6A (7 h Gehzeit zur Wieserhütte) zu wandern, da der auch den kleinen und mittleren Seefeldsee erschließt. Die Paulscharte (2.579 m) wird überschritten, auch könnte man noch einen relativ kurzen Abstecher zu einem interessanten Aussichtsgipfel (Seefeldspitze 2.715m) machen. Wir jedoch laufen nach GPX File und finden ab und zu eine verblichene alte Farbmarkierung. Der wilde Weg ist in der Landschaft nicht auszumachen. Wegen des geringen Frühstücks waren mehrere kleine Esspausen nötig, und wir erreichten die Furkelscharte (2.457 m) nach 5 Stunden Aufstieg. Hier erfreut einen der Blick auf den großen Seefeldsee, der sogar ausgesetzte Saiblinge im Wasser hat.

Nach der Rast am See geht es runter zur Wieserhütte; nach 7 Stunden Reisezeit sind wir angekommen. Die alternative Strecke nimmt den Weg 12 über das Falzarer Joch (2.259 m). Zunächst  geht es auf Dialogwegen zur Umgehung der durch Schneebruch versperrten Wanderpfade. Ein alter, gut erhaltener Holzschlitten im Unterholz zeugt vom alternativen Holztransport. Danach schlängelt sich der überwiegend gut markierte Wanderpfad durch Wald und nasse Wiesen bergan. Wenig Ausblicke, erst hinter dem Joch weitet sich dann der Blick.

Das Essen auf der Wieserhütte war lecker und „vertragen haben wir uns auch wieder“ mit Heu-Brand.

Die letzte 9. Tagesetappe  (ATG2-17) von der Wieserhütte nach Meransen sollte als Ausklang dienen. Die Wieserhütte bietet eine kleine Käserei zum Besichtigen, Probieren und Kaufen, was mit der Größe von 15 Kühen schon eine Rarität darstellt.

Die Wettervorhersage ließ nur diesen Weg zu: ein schöner Spaziergang durch das Altfasstal zur Moserhütte (1.936 m). Weiter wanderten wir abwärts bis zum Hotel Kristall, dort ließ sich die Wartezeit auf die Seilbahn (Mittagspause) angenehm verbringen. Mit der vorhandenen Infrastruktur (Nutzung von Seilbahn und Bus) ging es dann nach Brixen für die letzte Übernachtung vor der Heimfahrt.

Eine super Tour, die uns alle begeistert hat, da wir unterschiedliche Wege nutzten konnten, die für alle Teilnehmer der Wandergruppe passend waren. Das Nachwandern lohnt sich.

Frank, Jörg, Herbert, Rüdiger, Melanie und Michael

 

*Angelehnt an die 35 Etappen des “Fernwanderweges Rosenheim – Lazise“, erstellt 2011 – 2018 vom Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium Rosenheim und der Herrligkofferstiftung anlässlich der 40-jährigen Städtepartnerschaft (ISBN: 978-3-948242-00-8).

 

Galerie ATG 2. Teil Fügen - Maurach

Link zur Tour auf Alpenvereinaktiv:

https://www.alpenvereinaktiv.com/de/tour/alps-traverse-gemellato-atg-rosenheim-lazise-2.-teil-9-tagestouren-/54557034/